Das Zimbrische überlebt bis jetzt in den drei Enklaven Robaan / Roana (7 C.), Ljetzan / Giazza (758 m. s.l.m.) (13 C.) und Lusern /Luserna (1333 m.). Die zimbrische Sprache konnte sich in den drei obengenannten Sprachinseln nur dank ihrer zum Teil extremen Abgelegenheit über viele Jahrhunderte hinwegretten. Die zimbrischen Dörfer sind von den großen Städten Norditaliens weit entfernt und abseits jeglicher Autobahn oder anderer wichtiger Verkehrsader gelegen. Nur detaillierte Atlanten und genaue Landkarten führen die Namen unserer Orte auf, von daher die Wichtigkeit dieser geographischen Beschreibung, die zugleich als Einführung und Erklärung der in der Home Page verwendeten Ortsnamen gelten will. Der italienische Staat setzt sich aus 19 Regionen zusammen, die für den deutschsprachigen Leser als Bundesländer oder Kantone vorstellbar sind, obwohl sie bei weitem nicht jene Selbständigkeit genießen, die in den Bundesrepubliken Deutschlands und Österreichs und in der Schweizerischen Eidgenossenschaft üblich ist. Diese Regionen dienen letztendlich einer besseren Verwaltung des Territoriums. Jede Region hat ein eigenes Beratungs- bzw. Verwaltungsorgan mit einem Präsidenten, der dem Regionalrat vorsitzt. Die Regionen unterteilen sich wiederum in Provinzen, die ihrerseits von einer Landesregierung mit dem Landeshauptmann verwaltet werden. Ferner setzen sich die Provinzen aus Gemeinden mit einem eigenen Bürgermeister zusammen. Die Regionen Norditaliens, jene nämlich deren Gebiet an einen anderen europäischen Staat grenzt, sind 7, und zwar von links nach rechts Aostatal / Valle d’Aosta, Piemont / Piemonte, Ligurien / Liguria, Lombardei / Lombardia, Trentino-Südtirol / Trentino-Alto-Adige, Venetien / Veneto und Friaul-Julisch-Venetien / Friuli-Venezia-Giulia. Die zwei norditalienischen Regionen, in deren Gebiet sich unsere Sprachinseln befinden, sind Veneto (7 Gemeinden und 13 Gemeinden) und Trentino-Alto Adige (Lusern). Veneto unterteilt sich in folgenden Provinzen: Verona, Vicenza, Padua / Padova, Rovigo, Treviso, Belluno e Venedig / Venezia; Trentino-Südtirol in folgenden: Trient / Trento, Bozen / Bolzano. Robaan (Roana) mit ihrer Fraktion Toballe ist eine der 7 Gemeinden und befindet sich in der Region Veneto und zwar in der Provinz Vicenza; Ljetzan (Giazza) ist Teil von Selva di Progno, einer der 13 Gemeinden, und befindet sich ebenfalls in der Region Veneto, aber in der Provinz Verona. Lusern, obwohl das Dorf von Robaan nicht weit entfernt liegt, befindet sich hingegen in der Region Trentino-Südtirol, und zwar in der Provinz Trient. Die Tatsache, daß die zimbrischen Sprachinseln in zwei verschiedenen Regionen lokalisiert sind, hat in der Vergangenheit zu einer ausgeprägten Unterscheidung der historischen Schicksale, die unsere Dörfer und unsere Volksgruppe zu erleben hatte. Robaan und Ljetzan sind heute die letzten zimbrischen Sprachenklaven in Veneto, aber sie sind ein Teil der Sieben bzw. Dreizehn Gemeinden, in denen man bis vor 200 Jahre fast ausnahmslos zimbrisch sprach. Das Territorium der Sieben Gemeinden in Provinz von Vicenza (Schlège / Asiago, Rotz / Rotzo, Robàan / Roana, Lusàan / Lusiana, Gell / Gallio, Jenève / Enego und Fütze / Foza) läßt sich geomorphologisch von den angrenzenden Gebieten sehr deutlich unterscheiden, da dies eine auf drei Seiten (West, Ost und Süd) stark abgegrenzte Hochfläche bildet, die eben Hochebene von Asiago oder der Sieben Gemeinden genannt wird. Die Dreizehn Gemeinden in der Provinz von Verona (Boscochiesanuova, Roverè di Velo, Selva di Progno, ...) sind fast ebenso deutlich durch die ihre Gebirgsmorphologie von den angrenzenden Gebieten isoliert. Das Bergland der Dreizehn Gemeinden wird auch Lessinien / Lessinia genannt. Diese Abgelegenheit und die klare Einheit des Territoriums führten schon im Mittelalter zu einer sprachlichen und politischen Eigenständigkeit. Sowohl die Sieben als auch die Dreizehn Gemeinden waren fast seit der Zeit ihrer Gründung durch die zimbrischen Einwanderer ein Teil der Seerepublik von Venedig, die sie mit Holz für den Erbau der Schiffe belieferten. Für diesen Dienst und für die treue Überwachung der Grenzen - sie befanden sich tatsächlich am nördlichen Rande des von Venedig kontrollierten Bereichs - erhielten sie von den venezianischen Dogen eine weitgehende, durch Jahrhunderte hindurch immer wieder bestätigte Autonomie mit eigenen Statuten und Gesetzen. Die Besetzung Venedigs 1797 durch Napoleon und die Zuordnung des venezianischen Gebietes der österreichischen Kröne (Wiener Kongreß, 1815) bedeuteten für die Sieben und die Dreizehn Gemeinden das Ende einer jahrhundertealten Selbständigkeit und der Verlust eines übergeordneten Schutzes. 1866 wurde das Veneto dem jungen Königreich Italiens angeschlossen. Mit der Kriegserklärung Italiens am 23. Mai 1915 an die österreichisch-hungarische Kaisermonarchie werden die Sieben Gemeinden zum Frontgebiet, Theater einiger der zermürbtesten Gebirgsschlachten des ersten Weltkriegs. Die Konsequenzen für die dort lebenden Zimbern wurden verheerend. Die Dörfer wurden in Schutt und Asche gelegt; ihre Einwohner mußten in die padanische Tiefebene evakuiert werden (Costantina Zotti). Dort wurden sie gezwungen, untereinander und mit den Kindern italienisch zu sprechen, um nicht als Feinde von der italienischen Bevölkerung betrachtet zu werden (Costantina Zotti). Viele kehrten auf die Hochebene der Sieben Gemeinden nie mehr zurück. Ganz anders verlief die Geschichte der südtrentinischen zimbrischen Kolonie, nämlich Lusern. Der Grund dieser unterschiedlichen Entwicklung ist noch einmal in der geographischen Lage des Dorfes zu finden. Lusern liegt auf der Hochebene von Lavarone - Folgaria, die geomorphologisch gesehen ein Kontinuum mit der Hochebene der Sieben Gemeinden bildet, aber während dieses letzte Gebiet unter der Kontrolle der venezianischen Seerepublik war, befand sich das Territorium Luserns im ganzen Verlauf ihrer Geschichte immer in jenem der Grafschaft Tirols und teilte somit die historischen Ereignisse dieser letzten mit. Auch Lusern war während des ersten Weltkriegs mitten in der Frontlinie, aber in Gegensatz zu den Sieben Gemeinden war sie auf der österreichischen Seite. Die rasch evakuierten Kriegsflüchtlinge wurden darum nicht in die padanische Tiefebene, sondern nach Mähren gebracht (Francesco Nicolussi Paolaz). Mit dem Friedensschluß von Saint-Germain im Jahre 1919 wurde der Teil Tirols südlich des Brenners Italien zuerkannt. Mit der Machtergreifung der Faschisten 1923 wurden in Lusern wie im benachbarten deutschsprachigen Südtirols scharfe Unterdrückungsmaßnahmen des Deutschtums mit dem Verbot der deutschen Sprache und des deutschen Schulunterrichts. Auch den Lusernern wie den deutschstämmigen Südtiroler wurde das „Recht“ zuerkannt, für Deutschland oder für Italien zu optieren: 280 (33%) Luserner wählten das deutsche Reich und wurden nach Böhmen umgesiedelt. Mit dem sogenannten Pariser-Vertrag (Gruber-De Gasperi-Abkommen) im Jahre 1946 zwischen Österreich und Italien wurde für die deutschsprachigen Einwohner der Provinzen Bozen und Trient eine Art Autonomie ausgehandelt, die ihnen u. a. das Recht auf den Gebrauch der deutschen Sprache in den Ämtern und im Schulunterricht garantierte. Das Gruber-De Gasperi-Abkommen wurde in den Friedensvertrag zwischen Italien und den Alliierten übernommen und damit international garantiert. Die Nichteinhaltung der Pariser Bestimmungen seitens Italiens in der Nachkriegszeit führte zu Mißstimmung im deutschsprachigen Südtirol und zu Protestkundgebungen, die die Auflösung der Verwaltungseinheit der Provinz Bozen (Südtirol) von der zahlenmäßig überlegenen italienischen Provinz Trient forderte. Mit der Erreichung dieses Ziels und die darauffolgende Bildung zwei Autonomen Provinzen (Bozen und Trient) in einer Region (Trentino-Südtirol) wurden die Bedingungen für die Erarbeitung eines Maßnahmenpakets geschafft, die die Bestimmungen des Pariser Vertrags für die Autonome Provinz Bozen-Südtirol in die Tat umsetzen sollen. Das Autonomiepaket wurde 1993 abgeschlossen. Die sogenannte „Sechser Kommission“ - weil aus sechs Personen, drei deutscher und drei italienischer Muttersprache kostituiert - ist zuständig für den Erlaß von Durchführungsbestimmungen, die die Verwirklichung des Autonomiepakets garantieren sollen. Nach der Auflösung der Verwaltungseinheit der zwei Provinzen blieben die heutigen 362 Einwohner Luserns am südlichsten Rande der Provinz Trient zusammen mit den Fersentalern als einzige Deutschsprachige in dieser 600.000 Einwohner starken italienischen Provinz. Obwohl der Pariser Vertrag auch die „German speaking inhabitans“ der „Trento Province“ ausdrücklich schützt, wurde das immer in bezug auf die Südtiroler bis hin zur Erarbeitung des Autonomiepakets wahrgenommen. Für die Luserner und die Fersentaler der Provinz Trient gab es nie jene juristische Anerkennung als Volksgruppe deutscher Muttersprache, die unserer Ansicht nach die unentbehrliche rechtliche Untermauerung jeglicher Schutzmaßnahmen darstellt. As bi Biar!